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Auch hier bitte nicht vergessen: Es geht nicht um personenbezogenes Bashing. Persönliche verletzende Addressierungen vermeiden.
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Was für mich etwas Tolles an queeren Kontexten ist oder sein sollte, ist die Möglichkeit Kritik zu äußern und Kritik zu bekommen, sich auszutauschen und zu diskutieren. Gerade wenn es dann um mediale Ausarbeitungen wie Texte, Performances, Songs oder Filme geht, ist es für mich wichtig, nicht in einem Status von „Jetzt ist alles getan!“ zu verharren, sondern Kritik genauso wie auch Zuspruch zu äußern und mit an Diskussionen teilzunehmen. Es geht ja schließlich darum, sich in der selbst zu schaffenden Community wohlzufühlen und das auch anderen zu ermöglichen.
Zu einem von den angesprochenen medialen Produkten aus einer solchen Community zähle ich das Video zu Sookees und Tapetes „Pro Homo“, das diese Woche veröffentlicht wurde. Auch hier kann/muss/darf/soll Kritik geäußert werden, da personenbezogene Darstellungen beispielsweise auch immer personenbezogene Ausschlüsse produzieren. Entsprechend ist eine wichtige Kritik, dass das Video in der Darstellung der Figuren sehr weiß geprägt ist. Daneben sind größtenteils Figuren dargestellt, die in das hegemoniale Bild von schöner, gesunder Körperlichkeit passen. Dieses sind Kritiken, die ich in meinem Blogartikel nicht weiter thematisieren werde, allerdings damit keinesfalls als irrelevant darstellen möchte.
Weitere Kritiken, die direkt im Anschluss an die Veröffentlichung im Internet zu lesen waren, sollen jene sein, um die es im Folgenden geht: So sei die „klischeehafte“ Darstellung von nicht-heterosexuellen und nicht-cisgender Personen ein Problem an sich, da es klischeebeladene Vorstellungen von Trans*Personen, Schwulen und Lesben in der Gesellschaft erst verfestige. „Nicht alle Schwulen sind so“ heißt es und das soll man dann auch nicht so falsch darstellen durch die „schrillen“ Figuren im Videoclip. Ein weiterer Kritikpunkt ist, das Video und vor allen Dingen die Figuren seien in ihrer Selbstdarstellung nicht subversiv, ganz im Gegenteil, seien (ja, das ist ein alter Hut, aber er kommt immer wieder) Tunten „frauenverachtend“ und darüber hinaus seien die Figuren nicht authentisch, da sie „in ihrem Alltag vermutlich ganz normale Klamotten tragen“. Darüber hinaus würden durch diese Darstellungen homophobe Ressentiments bestärkt, da sie Leute als „andersartig“ darstellen und damit nichts weiter als „Andersartige“ blieben.
Klischee und Überzeichnung
Große Teile dieser Kritiken werden vielfach eigentlich von anderer Seite geäußert als jener, die sich selbst außerhalb heterosexuell dominierter Kontexte verortet, nämlich innerhalb hegemonialer homophober und transphober Wertungen. Darstellungen von Schwulen, Lesben und Trans*Personen werden immer wieder als übertrieben, zu laut, zu präsent dargestellt. Dies geht einher mit Abwertungen, die im Sinne heteronormativer Vorstellungen dagegen sprechen, solcherlei Repräsentationen zu gestatten. So wird beispielsweise unangepasstes Schwulsein mit Unmännlichkeit gleichgesetzt, als übersexualisiert moralisch kritisiert und damit als etwas Deviantes, „Andersartiges“ markiert, von dem man sich als „normales“ Mitglied der Gesellschaft abgrenzen kann/muss. Oder anders ausgedrückt: Diejenigen, die sich als „normal“ dünken wollen, spalten ihre Sehnsucht danach, selbst aus dem Rahmen zu fallen, sowie ihre Anteile, die eben aus dem heteronormativen Rahmen fallen, von sich selbst ab und projizieren sie in den imaginierten Schwulen (als Beispiel). An diesem wird gehasst, dass er – in der Projektion – die von sich selbst abgespaltenen Anteile und Bedürfnisse auslebt. Das ganze bleibt allerdings nicht in der Imagination stecken und bleibt auch kein Sprechakt ohne Wirkung, sondern äußert sich in konkreter Diskriminierung, Marginalisierung und Gewalt gegenüber Trans*Personen, Lesben, Schwulen, Bisexuellen und all jenen, die nicht in das herbeigesehnte Muster der „normalen“, „gesunden“, „anständigen“ und „natürlichen“ Person passen. Das ganze trifft man allerdings nicht nur bei Heterosexuellen an, sondern gerade auch bei LGBT-Personen selbst; was dann in Form von Abwertungen gegenüber anderen LGBTs daherkommt, die nicht in das ersehnte echt-männliche, echt-weibliche …. Bild passen, wie etwa schrille Tunten, Femmes, promiske Kampflesben oder schwule Trans*Männer.
Bereits in den 70er Jahren war es eine bedeutende Auseinandersetzung und Faktor für die Politisierung emanzipatorischer Schwulengruppen, sich mit schwulem Selbsthass und der damit einhergehenden Ausgrenzung und Abwertung anderer Schwuler auseinanderzusetzen und sich gegen diese Dynamik zu wenden. Entsprechend auch die Kritik aus Trans*-Kontexten, die wie etwa durch Leslie Feinberg davon ausgeht, dass die Abwertung eines Geschlechtsausdrucks als „übertrieben“ oder „nicht richtig“ heteronormative Gewaltverhältnisse bestätigt und auf transphobe Weise die geschlechtliche Selbstbestimmung von Menschen gewaltsam einzuschränken sucht. So als hätte es solche Kritiken niemals gegeben, werden nun Selbstdarstellungen wieder als „zu“ übertrieben und „zu“ klischeehaft und nicht authentisch genug bewertet.
Diese Forderung, die beispielsweise auch gegenüber CSDs immer wieder vor allen Dingen von ich sage mal böse anpassungswilligen Schwulen und Lesben geäußert wird, die Paraden sollen doch bitte nicht so schrill und so laut sein und doch auch mal die „ganz normalen“ Schwulen und Lesben zeigen, stellt in meinen Augen den Wunsch dar, im Grunde „normal“ wie die Heten, unsichtbar und am Ende nicht mehr schwul und lesbisch zu sein. Über die sehr ähnliche grundlegende Intention dieser Forderungen/Kritiken aus unterschiedlichen Kontexten hilft dann auch der Zusatz nicht hinweg, dass wir doch durch „queer“ solche Identitätskonstrukte überwinden sollten. Neben dem Umstand, dass für mich queer nicht bedeutet, Diskriminierungsformen und meinen Bezug dazu als Schwuler einfach zu verdrängen, kann auch der Wunsch, in „queer“ aufzugehen oder sich aufzulösen, damit man nicht mehr schwul/lesbisch/trans* sein muss, als eine Form der homophoben Selbstnegierung betrachtet werden sowie als ein Aberkennen, sich mit der eigenen Situation wohl zu fühlen.
Sookees und Tapetes Video zu „Pro Homo“ beinhaltet nun Figuren, die offensichtlich – und für einige scheinbar mal wieder zu offensichtlich – nicht in das Bild von Nicht-Heterosexuellen und Nicht-Cisgendern passen, das nach heteronormativen Vorstellungen gewünscht ist. Und dabei fühlen sie sich auch noch wohl! Sie passen nicht in das Bild des geplagten, leidenden Queers oder den fast-heterosexuellen und eben nur „ein bisschen anders gepolten“ Mitbürger_innen. Die Figuren feiern sich und bieten eine Perspektive, vielen anderen aber/und vor allem auch sich selbst.
Ein Einwand hierzu ist, dass genau diese Darstellung nicht-heterosexueller und nicht-cisgender Personen zu einem dominant heterosexuellen Bedürfnis passe, da es erst den Boden für homo- und transphobe Klischees und Ressentiments böte. Allerdings ist dies meiner Ansicht nach nur scheinbar der Fall. Wie bereits erwähnt braucht es für den gesellschaftlich verankerten Hass auf Tunten, Butches, Femmes und Trans*Personen keine manifesten Personen. Die angestellen Projektion und damit einhergehenden Abwertungen reichen für sich alleine aus. Nicht umsonst sind die ständigen Mutmaßungen und Herführungen solcher Ressentiments reichlich absurd und fußen auf einem mehr als wackeligen Boden.
Anstatt sich also solchen Abwertungen zu fügen und sie selbst zu äußern, sich äußerlich anzupassen, sind in „Pro Homo“ feiernde Figuren dargestellt, die nicht davor zurückschrecken, sich in die homophob geprägten Settings der inszenierten Wohnzimmer zu beamen. Die Sichtbarkeit von Freude über sich selbst, gerade durch Figuren/Personen, die im Mainstream vielfach Marginalisierungen ausgesetzt sind, ist dabei durchaus als politisch zu betrachten. Emanzipation geschieht nicht zuletzt durch Empowerment, durch positive Lebensentwürfe und Selbstdarstellungen von Personen, denen – sofern sie sich nicht als zu genüge anpassungswillig zeigen – von heteronormativen Wertungen und Strukturen ein solcher freudiger Selbstbezug versucht wird, unmöglich zu machen oder ihn als unmöglich zu behaupten.
Gerade aus queerer Ecke finde ich es erstaunlich, dass dann solche Kritiken geäußert werden, die sich gegen einen frivolen narzisstischen Selbstbezug innerhalb einer Gesellschaft richten, die einen solchen zu verbieten sucht, und in ihrer Hartnäckigkeit ignorant gegenüber angesprochenen Formen von Homo- und Transphobie verhalten. So wurde etwa davon gesprochen, dass es „einfach nur gaga“ sei, „sich ne Federboa umzuhängen und sich wie ein Clown zu schminken, um für ein Video-Take mal kurz ne Tunte zu spielen.“ Zunächst einmal möchte ich die betreffende Person herzlich in meinen Zirkus einladen, gerne gebe ich Schminktipps. Was ich an dieser Kritik höchst problematisch finde, ist die normative Vorstellung von Echtheit und Authentizität, die dabei ganz nebenbei noch damit ausgeschmückt wird, Tunten seien frauenfeindlich, da sie bestimmte Formen von Weiblichkeit imitierten: Es wird angenommen, dass „das Frauenbild, dem Tunten nacheifern, so extrem überzeichnet und konservativ ist, dass bell hooks darin sogar einen Akt der Frauenfeindlichkeit erkennen wollte.“ Entsprechend erschließt sich dann auch die Annahme, hier seien Leute kurz in eine Rolle geschlüpft um im Alltag dann „normal“ auszusehen.
Hier muss die Frage erlaubt sein: Mit welcher Berechtigung werden Personen als „nicht echt“ oder nicht genug authentisch in ihrer Geschlechtlichkeit bezeichnet? In meinen Augen handelt es sich hier um ein eindeutig transphobes Moment. Das Problem liegt dabei wohl eher in der Person, die einer anderen unterstellt, ihr Auftreten sei eine Imitation, sie sei nicht authentisch genug; so authentisch wie sie selbst etwa gerne sein würde? Ab wann ist man eine echte Tunte, eine echte Trans*Person, ein echter Schwuler? Nur dann, wenn man einer bestimmten normierten Identitätsform oder einem bestimmten normierten Aussehen jeden Tag, immer, in jeder Situation und in jedem Kontext entspricht? Ich denke doch nicht, zumal ich die Frage nach Authentizität anmaßend und ganz allgemein unangebracht finde.
In Bezug auf den Vorwurf der Imitation möchte ich als Tunte sagen: Eine Tunte ist eine Tunte ist eine Tunte ist eine Tunte. Und sie ist keine Imitation in Form einer hier imaginierten unechten Kopie! Ohne zu moralisch zu werden, möchte ich noch behaupten, dass die Erfahrung, im öffentlichen Raum mit TransPhobie konfrontiert zu werden, den Blickwinkel mit formt und die Behauptung, hier würde nur ein „Spielen mit Klischees“ vorliegen, als recht verkürzt daherkommen lässt, da offensichtlich eine Verwirrung angenommener heteronormativer Ordnungen vorliegt, die eben kein Spiel mehr ist, wenn es darum geht, dass man sich nicht anpassen kann/will und dadurch einer ganz konkreten Gefahr ausgesetzt ist.
Von der Vorstellung der Imitation kann außerdem nur ausgehen, wer auf der Idee von zwei und ausschließlich zwei Geschlechtern beharrt. Erst nach dieser Annahme ist es möglich, davon zu sprechen, eine Tunte würde grundsätzlich eine Frau kopieren. Es sei hier nur am Rande erwähnt, dass die Annahme, Tunten seien frauenfeindlich weil sie eine bestimmte Form von Weiblichkeit durch Imitation reproduzierten, selbst ein sexistisches Bild von dem, was „gute“, „anerkennenswerte“ oder gar „subversive“ Weiblichkeit auszumachen hat impliziert.
Subversion und positiver Selbstbezug
Ich möchte noch einmal zu dem Punkt zurückkehren, die Darstellung im Video sei nicht subversiv, weil „sich die Leute für ein Video zum Thema Homosexualität Glitter und Federboa umhängen, weil sie das für subversiv halten, aber in ihrem Alltag vermutlich ganz normale Klamotten tragen.“ Neben dem erläuterten trans- und homophob verletzenden Gehalt dieser Rede sei darauf hingewiesen, dass es eine schwierige Annahme ist, davon auszugehen, dass bestimmte Bilder subversiv sind und andere nicht. Eine subversive Wirkung kann hervorgerufen, wenn sich Personen durch eine nicht-normative Darstellung irritiert fühlen. Oder eben auch dadurch, dass sich Personen selbst feiern, für die es nach heteronormativen Mustern nicht vorgesehen ist, sich selbst zu feiern (und dabei dargestellt werden) sowie solche Personen/Figuren als Idenfikationfiguren finden.
Neben der Behauptung, hier sei clownesker Karneval dargestellt, der jede „Echtheit“ vermissen lasse sowie der bloßen Vermutung, die dargestellten Figuren würden sich „für subersiv halten“, fällt der hier dargestellte kritisierende Blick auf die Figuren nach heteronormativem Vorbild in Form eines verächtlichen Blickes auf die positiven, erfreulichen (Selbst)Darstellungen und versucht, einem positiven Selbstbezug seine Legitimation abzusprechen, der ja so unglaublich frecherweise auch noch die eigene/n Identität/en veräußerlicht (Hilfe, sie ist lesbisch, zeigt das und findet das gut!?). Zusätzlich problematisch ist dieser Blick, da er in einem gesamtgesellschaftlichen Rahmen stattfindet, der genau dieser Sichtweise auf bestimmte als deviant markierte Identitäten/Selbstdarstellungen produziert und forciert.
Entsprechend kann auch der Vorwurf, die Figuren würden durch ihre „Andersartigkeit“ erst Ressentiments gegenüber „Andersartigen“ aufrechterhalten als ein bestätigendes Moment für Heteronormativität bewertet werden. Wer die dargestellten Figuren als „andersartig“ bezeichnet und ihre Darstellung vermeiden will, weil sie doch nur Homophobie und Transphobie hervorbringen und bestätigen, markiert die Figuren selbst erst als „andersartig“ und vergisst dabei, dass Homo- und Transphobie eben auch und vielleicht noch besser ohne solche Repräsentationen auskommt.
No Homo? Pro Homo!
Gerade weil Homo- und Transphobie so tief in der hiesigen Gesellschaft verankert ist: Solange (ich getraue mir das solidarische) wir als Trans*Personen, Schwule und Lesben Diskriminierungen, Marginalisierungen und Gewalt erfahren, muss Homo- und Transphobie als solche benannt werden und müssen Gegenentwürfe geboten werden.
Wie eingangs erwähnt ist jedes mediale Produkt kritikwürdig. Gleichzeitig sollte in meinen Augen nicht vergessen werden, zumindest grundlegende eigene homo- und transphobe Ressentiments zu überdenken, bevor losposaunt wird. Das Musikvideo sowie das Lied und seine Lyrics sind auch innerhalb eines Hip Hop-Kontextes zu verorten, in dem ein zutiefst schwulenfeindlicher Diskurs verankert ist und sich gerade auch in der Aussage „nohomo“ äußert. Das Lied versucht innerhalb seiner Form als Lied den gesellschaftlichen Bezug mitzudenken, der Clip mitsamt Darsteller_innen, Sänger_innen und Crew richtet sich eindeutig gegen homo- und transphobe Diskriminierung. Dies sollte dem Lied und dem Engagement in meinen Augen angerechnet werden, so auch, dass nicht zuletzt Sookee sich seit langem innerhalb eines männerdominierten Genres behauptet und Stellung bezieht.
Pro Homo!
Die zitierten Blogeinträge und Kommentare enthalten unter anderem positive Bezüge auf und konkrete homophob diskriminierende Aussagen. Sie sind aus Brennessels Blogeintrag sowie aus den Kommentaren zum Video auf YouTube.